



Das Königsjahr
Bei Kindern, die im Zeitraum vom Frühsommer bis zum Herbst geboren sind, eröffnet sich häufig die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für den Schuleintritt. Ist es mit sechs Jahren oder erst mit sieben Jahren schulreif ?
Alles das muss natürlich immer am einzelnen Kind in umfassender Betrachtung seiner gesamten Entwicklung in ausführlichen Gesprächen erörtert werden. Dennoch kann man auch den unbefangenen Blick einmal darauf richten, was das Kind als „ reif“erscheinen lässt.
Der Begriff
„Reife“ findet sich vor allem in der Natur. Das Reifen der Früchte, des
Getreides etc. Ausgewachsen in Größe und Form ist z.B. ein Apfel schon vorher,
aber es fehlt nun noch die Farbe, das Aroma, eben die Reife. Dieses Bild
auf unsere Kinder angewandt folgert: Allen erworbenen Fähigkeiten setzt die „
Reifezeit“ die Krone auf. Hinzulernen tut das Kind auch in dieser Zeit, aber
sein Schwerpunkt liegt im Herschenken seines Könnens, im Vermitteln seines
Wissens. Im Kindergarten sind sie die Großen, die wissen, wie es geht. Wie gut!
Denn in der Schule werden sie wieder auf lange Zeit die Kleinen und Unwissenden
sein.
Schauen wir unser „Königskind“ näher an. Es ist etwa 5,5 – 6 Jahre alt und das 3. Jahr im Kindergarten. Es fühlt sich sicher im Kindergarten, kennt Räume, Personen und alle Abläufe. Es erlebt sich erstmals in der Situation, neu hinzukommende Kinder bei ihrer Eingewöhnung unterstützen zu können. Wie ein Hirte seine Schäfchen kann es sie unter seine Fittiche nehmen.
Das Königskind entwickelt in dem letzten Jahr ein hohes Maß an Selbständigkeit. Kleidet sich komplett selbst an, übt das Schuhebinden, hilft anderen beim Anziehen. Es geht der Erzieherin bei allen Tätigkeiten mit Geschick und Sachkenntnis zur Hand; weiß, wo die Materialien zu finden sind, erledigt gern „Botengänge“ innerhalb des Kindergarten. Im Freispiel nimmt es gern Führung, benennt Inhalt und Mitspieler. Auftretende Konflikte kann es schlichten und Kompromisse finden. Das Mitleid erwacht und die Fähigkeit die Zurechtweisung anzunehmen. Mit Freude taucht es in Rollenspiele ein, kennt sie noch aus dem vorigen Jahr und darf die Hauptrollen einnehmen.
Konzentriert verfolgt es längere Märchen, prägt sie sich bei häufige Wiederholung, stellenweise wortwörtlich ein und ist so z.B. in der Lage Puppenspiele authentisch nachzuspielen.
Fingerfertigkeit zeigt das Kind beim Nähen, Weben und Sticken. Bleibt ausdauernd und konzentriert dabei, lässt sich vom übrigen Spielgeschehen kaum ablenken. Im Malgeschehen taucht immer mehr Gegenständliches auf: Das Haus, Bäume, Autos, Menschen usw. Das Kind legt sich in dieser Zeit auf Rechts- oder Linkshändigkeit fest.
Die Gegenständlichkeit spiegelt sich auch beim Bienenwachskneten wieder; Statik und Dreidimensionalität werden erprobt.
Im Gartenfreispiel erübt und intensiviert es seine Fähigkeiten beim Klettern, Balancieren und Hüpfen. Es möchte Stelzenlaufen und Seilspringen erlernen. Parallel beginnt das Kind Vorstellungen zu entwickeln; es macht sich unabhängig von dem, was es gerade wahrnimmt. Das Interesse an Buchstaben und Zahlen erwacht. Es untersucht physikalische Gesetze.
In der Zeit orientiert es sich mit zunehmender Sicherheit ( gestern, vorgestern, morgen, übermorgen ). Es entwickelt kausales Denken und der Sinn für Humor erwacht. Der Zahnwechsel beginnt.
All dies entwickelt sich nicht nacheinander, sondern nebeneinander. Eltern, Kinder und Erzieher freuen sich gleichermaßen tagtäglich über neue Errungenschaften, Fähigkeiten, Geistesblitze u.v.m.
Nun ist die Grundlage geschaffen für einen bruchlosen Übergang zur Schule. Das Kind beherrscht das bisher erworbene mühelos und freut sich auf neues Lernen in der Schule.